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Digitale Sklaven 2: Technologie-Paternalismus oder wie dumm ist eigentlich die KI?

Es ist unverkennbar, dass der Zeitgeist von einer Vollkaskomentalität und von einem Technologiepaternalismus geprägt ist. Noch in den 80er Jahren konnten man auf Postkarten und T-Shirts häufig den alten Nietzsche-Slogan lesen: "Lebe wild und gefährlich". Davon ist nicht mehr viel geblieben, sieht man von den Exzessen einiger Extremsportler ab, wie dem mittlerweile verstorbenen Felix Austria, der vor Jahren mit einem Fallschirm aus der Stratosphäre sprang. Vor allem bei technischen Entwicklungen - man denke nur an die neuen Autos mit all ihren Hilfs- und Sicherheitssystemen - ist festzustellen, dass wir Menschen vor uns selbst beschützt werden sollen. Der technokratische Gedanke dahinter ist, dass wir Menschen für fehleranfälliger gehalten werden als es Maschinen und Softwarepro-gramme sind. Die Technik bestimmt unser aller Leben und an vorderster Front stehen dabei die Algorithmen der Künstlichen Intelligenz (KI).  

KI-Algorithmen sind nichts anderes als Regelfolgen des logischen Denkens, die aus Zahlenreihen von Nullen und Einsen bestehen. Da aber diese algorithmischen Regelfolgen teilweise von den Programmierern nicht mehr nachvollzogen werden können, ist die KI intransparent geworden. Auf diese Weise hat sich die KI praktisch selbstständig gemacht. Damit kann man erstaunliche und rasante Rechenleistungen erzielen. Aber alles Ungewisse und Unvorhersehbare lässt sich nicht in Algorithmen fassen. Denn die KI kann nur rechnen aber nicht denken! Der Mensch ist in seinem Denken und handeln flexibler und freier und nicht so starr an Regeln gebunden, wie dies bei den programmierten Algorithmen der Fall ist. Wir Menschen können Regeln brechen und improvisieren. Die KI kann dies nicht, da ein Algorithmus immer nur mögliche Erwartbarkeitsszenarien berechnen kann. Diese KI-Rechenleistungen finden im geschlossenen System der Gewissheit statt. Alles was erwartbar ist, kann programmiert werden. Es müssen nur genügend viel Datenmengen vorhanden sein, damit die KI entsprechend "gefüttert" werden kann und so selbst "lernfähig" wird. So kann seit Jahren die KI besser Go spielen, als der menschliche Go-Weltmeister. Bei diesem Spiel gibt es nur logische und somit erwartbare Spielzüge und die können mittels immenser Datenmengen im Vorfeld berechnet werden. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auf diesem Feld die KI über den Menschen triumphieren konnte.

Da unser menschliche Verhalten zutiefst vom Unbewussten und von Emotionen bestimmt wird, führt dies oft zu irrationalen und nicht erwartbaren Handlungen. Letztendlich ist doch das ganze menschliche Leben im Ungewissen angesiedelt. Ein ähnliches Phänomen bezüglich nicht erwarteter Antworten kann man beim Ausfüllen von so manchem Online-Formular sehen. Wer hat noch nicht erlebt, dass seine Antwort nicht in das vorgegeben Raster passt, weil diese Antwort eben so nicht erwartet wurden? Auch im Straßenverkehr können wir nur darauf vertrauen, dass sich alle Verkehrsteilnehmer logisch und erwartbar verhalten. Es bleibt also immer ein Rest an Ungewissheit vorhanden. Diese Ungewissheit lässt sich jedoch nicht mittels einer KI berechnen. Daher wird auch die Idee von selbst fahrenden Autos im öffentlichen Stadtbereich wohl nie flächendeckend umgesetzt werden können. Zudem kommt hinzu, dass die technologischen Grenzen und die Fehleran-fälligkeit von Softwaresystemen weitgehend tabuisiert werden. So weist ein Softwaresystem, dessen Zeilencode eine Million Zeichen umfasst eine durchschnittliche Fehlerquote von 0,6 Prozent auf. Dies erscheint auf den ersten Blick gering, doch bedeutet dies in absoluten Zahlen ausgedrückt, dass darin sechstausend Fehler enthalten sind. Wem man weiß, dass bei einem selbst fahrenden Auto das gesamte Softwaresystem hundert Millionen Zeilen aufweist, dann sind darin bei einer Fehlerquote von 0,6 Prozent sechshunderttausend Softwarefehler enthalten. Das damit verbundene Sicherheitsrisiko ist also offenkundig. Darf man dann eigentlich noch von Künstlicher Intelligenz sprechen? Oder ist die KI nicht sehr reduziert in ihren Möglichkeiten und im Vergleich zum Menschen eigentlich eindimensional und dumm?

Die KI braucht Hunderte von Datensätzen um einen Elefanten zu erkennen. Ein kleines Kind muss einen Elefanten nur einmal gesehen haben, dann weiß es, was ein Elefant ist. Die Eindimensionalität der KI gründet nicht zuletzt im kapitalistischen Denken, das rein profit- und zweckorientiert ist. Und nichts anderes wollen die großen, digitalen Tech-Konzerne des Silicon Valley. Aber auch so mancher Regierung schmeckt die digitale Kost, die der Überwachungskapitalismus serviert. Sie alle wollen möglichst viele Daten von und über uns erlangen, um unser alltägliches Verhalten einschätzen und in Erwartbarkeitsmodellen berechnen zu können. Dies betrifft unser Konsumentscheidungen genauso wie unser politisches Wahlverhalten. Dadurch sollen wir manipulierbar und steuerbar werden, der große Traum des technokratischen Social Engineerings. So werden in China die Bürger mittels eines perfides Social-Scoring-Systems überwacht. Wer nach Meinung der chinesischen Regierung ein fehlerhaftes Sozialverhalten an den Tag legt wird mit Punktabzügen auf einer sozialen Skala bestraft. Das hat zur Folge, dass damit Nachteile im Berufsleben, in der Bewegungsfreiheit oder in der Wahl des Wohnungsortes einhergehen können. Weltweit wird derzeit die gesamte Lebenswelt mittels KI auf die digitale Denkweise und den damit verbundenen Technologie-Paternalismus umgestellt.

Technologie-Paternalismus bedeutet, dass Geräte so gestaltet sind, dass sie uns mehr oder weniger zu Sklaven machen und uns Entscheidungen über unser eigenes Handeln abnehmen. So gibt es in den USA mittlerweile Autos die nicht mehr losfahren, wenn der Fahrer Alkohol getrunken hat. Mittels Sensoren im Fahrerraum wird der Alkoholgehalt des Fahrers gemessen und ein Losfahrsperre aktiviert. Solche Losfahrsperren benutzen auch Autoverleiher. So muss man z.B. bei Autoverleihern in Albanien zustimmen, dass man nur asphaltierte Straßen benutzt. Missachtet man dies oder begeht Geschwindigkeitsüberschreitungen kann per Ortungs-App das Auto lahm gelegt werden. Das Gleiche gilt für Autoversicherer, die in Zukunft höhere Versicherungsbeiträge verlangen könnten, wenn Geschwindigkeitsbeschränk-ungen nicht eingehalten werden. Ebenso können ähnliche Maßnahmen auch im Bereich der Krankenversicherung geschehen. Wenn mit sogenannten "Gesundheit-sarmbändern" unsere Schritte gemessen werden - und viele Menschen verwenden bereits diese Armbänder - dann könnten Arbeitgeber auf die Idee kommen - was in den USA auch schon geschieht - von Mitarbeiter einzufordern, dass sie zehntausend Schritte am Tag gehen um sich fit und gesund zu halten. Ansonsten werden vom Arbeitgeber die Krankenversicherungsbeiträge nicht bezahlt. Aber auch die Krankenkassen selber könnten auf die Idee kommen und höhere Versicherungsbei-träge von "Sofa-Potatoes" kassieren. So zwingt uns also die Technologie ganz bestimmte Verhaltensweisen auf, um uns vor uns selbst zu schützen und macht uns damit zugleich zu digitalen Untertanen. Ob dies in eine digitale Sklaverei und einem gnadenlosen Überwachungsstaat mündet, wird sich zeigen. Wir sollten jedoch gewappnet sein und mit aller Macht unsere Persönlichkeits- und Freiheitsrechte verteidigen. Dazu bedarf es mündiger und aufgeklärter Bürger, die Druck auf die Politik ausüben. Jeder sollte also die positiven Möglichkeiten, aber auch die Gefahren und Risiken der digitalen Welt erkennen und realistisch einzuschätzen lernen. 

Lese- und Hör-Tipps dazu:
Lorraine Daston – Regeln: Eine kurze Geschichte (Suhrkamp Verlag 2023)
Lorraine Daston - https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/lorraine-daston---die-regeln-unseres-lebens?urn=urn:srf:video:6c4fdcb0-ca5e-4554-954a-8d619f5884ee
Gerd Gigerenzer - Der Umgang mit Ungewissheit im digitalen Zeitalter https://www.youtube.com/watch?v=6Hs3mrJgeEY
Herbert Marcus - Der eindimensionale Mensch (Luchterhand Verlag 1967)
https://oe1.orf.at/programm/20250912/807114/Spiekermann-Hoff-Wir-brauchen-klare-Regeln-fuer-die-digitale-Welt