Wie die AfD meine einstige Heimat bedroht und warum ich den Kulturkampf von rechts, wie von links, entschieden ablehne.
Im Jahr 1956 bin ich in dem schönen Benediktinerklosterort Metten in Niederbayern zur Welt gekommen. Dort habe ich glückliche Kindheits- und Jugendjahre erleben dürfen. Die Heimatliebe zu diesem Fleckchen Erde ist nach wie vor tief in meinem Herzen, auch wenn ich in die Welt hinausgezogen bin und schon seit langem in Berlin lebe. Um so schmerzhafter ist es für mich zu sehen, dass die AfD bei den letzten Bundestagswahlen im Landkreis Deggendorf 29,3% der Zweitstimme erhalten halt. Das besorgt und erzürnt mich zugleich, denn es ist der höchste Wert in ganz Westdeutschland. Das empfinde ich schlichtweg als Schande für Niederbayern! So ein Ergebnis hat dieses Fleckchen Erde, das ich so liebe und dessen Menschen ich so schätze, einfach nicht verdient. Zum Glück haben 70 Prozent der Wähler*innen sich nicht von der AfD verführen lassen. Doch trotzdem bedeutet dieses Wahlergebnis, dass fast jeder Dritte und jede Dritte im Landkreis Deggendorf sein Kreuz bei einer Partei gemacht hat, die keinerlei realistische und kompetente Lösungen zu bieten hat. Das gilt für die Probleme bei der Migration, der inneren und äußeren Sicherheit sowie bei den Steuern, der Wirtschaft sowie bei Inflation und Mobilität. Und das Hauptproblem der Menschheit, der Klimawandel und die damit verbundene vom Menschen gemachte Erderwärmung werden strikt dumm dreist geleugnet. Verantwortungslosigkeit ist ein prägendes Merkmal der AfD-Funktionäre. Dies gilt besonders für ihren martialisch-aggressiven Sprachgebrauch, wenn der politische Konkurrent zum "Gejagten wird" oder wenn mit Nazi-Rhetorik von der "Remigration" fabuliert wird. Es ist eine Sprache die voller Hass und Verachtung ist und in der Empathie und Mitmenschlichkeit keinen Platz haben. Verantwortungslos ist ebenso ihr Umgang mit deutscher Geschichte, sie wird einfach uminterpretiert. Alice Weidel macht aus Hitler einen Kommunisten, AfD-Gründungsmitglied Alexander Gauland verharmlost die NS-Zeit als "Vogelschiss der Geschichte" und die Erinnerungsarbeit bezüglich des Holocausts wird als "Schuldkomplex bzw. Schuldkultur" diffamiert. Doch wer sich seiner Herkunft nicht bewusst ist, kann auch keine Zukunft gestalten. Die AfD ist auf allen politischen Feldern ohne jegliche Kompetenz. Ihre angeblichen Lösungsvorschläge, die mit markigen Sprüchen angekündigt werden, halten keinem Realitäts-Check stand und sind auch nicht finanzierbar. Anstelle von Sachargumente setzten AfD-Politiker lieber auf eine rüde, aggressive und niveaulose Fäkalsprache, wie dies schon öfter im Bayerischen Landtag und jüngst im Brandenburger Landtag geschehen ist, als Ministerpräsident Dietmar Woike heftigst verbal beleidigt wurde. Geschmacklosigkeit und infame Bösartigkeit scheinen überhaupt zum Markenkern von so manchem AfD-Politiker zu gehören. Dies zeigt auch der unsägliche Auftritt der bayerischen Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner bei einer Faschingsveranstaltung 2025 in Franken, wo sie als "Abschiebepilotin" verkleidet auch gleich noch "Abschiebeflugtickets" mitgebracht hatte. Diese Art des politischen Kulturkampfes kann man nur als widerlich bezeichnen.
Die AfD vertritt eine libertäre Wirtschaftsideologie. Diese Partei ist daher nicht der Interessensvertreter der "kleinen Leute". Würde die AfD an die Macht kommen dann würde Deutschland einem wirtschaftlichen und kulturellen Ruin entgegen gehen. Denn die AfD – liest man ihr Wahlprogramm – steht für geistige Einfalt und nicht für plurale Vielfalt. Als erstes würden die Kulturschaffenden und die Künstler massiv leiden und in ihrer Existenz bedroht werden. Budgets würden einfach gekürzt oder ganz gestrichen werden. Jedem gesellschaftskritischen Kunst- oder Kulturprojekt - sei es im Ausstellungs-, Film- oder im Theaterbereich – würde der Geldhahn abgedreht werden. Dies würde ebenso für die NS-Gedenkstätten gelten, die zu fünfzig Prozent von den Ländern finanziert werden. Zudem ist die AfD eine Partei mit zutiefst völkischen Inhalten. Matthias Helferich, Mitglied der AfD-Bundestagsfraktion, behauptet von sich das "freundliche Gesicht des Nationalsozialismus" zu sein. Die AfD ist eine Partei, die den Hass sowie Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit schürt, das belegen zig Äußerungen. Diese verbalen Attacken richten sie vor allem gegen Ausländer, Migranten und queere Menschen sowie die Grünen. Dies sind die Feinbilder der AfD. Sicher, es ist unverkennbar, dass mit dem Migrationsanstieg seit 2015 viele Probleme einher gehen. Das leugnet mittlerweile niemand mehr. Aber es müssen rechtsstaatliche und realistische Lösungen erarbeitet werden, um dieser komplexen Problemlage Herr zu werden. Das geht nur in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Nachbarn und den Herkunftsländern. Die markigen Sprüche der AfD und deren Hetze helfen da keinen Millimeter weiter.
Die politische Führungsriege der AfD verachtet zutiefst die offene und freie Gesellschaft, genauso wie es Wladimir Putin, Donald Trump und Elon Musk tun. Der "Staatsstreich von oben" der gerade in den USA geschieht und der Umbau der italienischen Gesellschaft unter der erzkonservativen Präsidentin Georgia Meloni sind Blaupausen für die AfD. Sollte die AfD je an die Macht kommen, dann kann keiner mehr nach seiner Fasson glücklich werden. Dann kann Keine und Keiner mehr leben wie und lieben wen er möchte. Der reaktionäre-autoritäre Staat ist die Wunschvorstellung und das Ziel der AfD. Die führende Köpfe der Partei um Alice Weidel, Tino Chrupalla, Bernd Baumann und Katrin Ebner-Steiner fühlen sich zu Autokraten wie Elon Musk, Donald Trump, Victor Orban und dem russischen Diktator Wladimir Putin stark hingezogen. Die AfD-Kontakte zum Kreml und zu China sprechen ja Bände und nicht umsonst sind AfD-Leute wie Maximilian Krah mit Spionage- und dubiosen Finanzierungs- und Spendenvorwürfen konfrontiert. Würde diese AfD-Dystopie jemals Realität werden, dann würde auch in Niederbayern jeder, der politisch eine andere Meinung hat und frei leben möchte, nichts mehr zu lachen haben. Und gerade deswegen ist es so verstörend, dass besonders viele junge Menschen diese Partei wählen und sie hip und cool finden. Die AfD ist nachweislich ein Tummelplatz für identitäre Rechtsextremisten und Nazis, wie Björn Höcke, der immer mehr an innerparteilicher Macht gewinnt und das Sagen hat. Doch es scheint nicht zu stören, denn Zukunftsängste und die Sehnsucht nach Eindeutigkeit und einem "starken Führer" bestimmen das Fühlen und Denken der AfD-Wähler. Sicher gibt es nicht nur in der Parteiführung, sondern auch innerhalb der Wählerschaft der AfD einen harten rechtsextremen und nationalsozialistischen Kern, doch die überwiegende Mehrheit sind Protestwähler, aber damit auch Verführte und Mitläufer. Leider haben am Höhenflug der AfD die Parteien der bürgerlichen Mitte sowie die Leitmedien einen nicht unerheblichen Anteil. Bei den etablierten Parteien und besonders bei den Grünen ist zu viel Ideologie, Moralismus und Arroganz im Spiel und leider zu wenig politischer Pragmatismus. Das führte dazu, dass über viele Jahre hinweg Probleme, wie z.B. eine gelingende Integration bei Asylsuchenden, der schlechte Zustand des deutschen Bildungswesens oder die Mietpreisexplosion nicht ausreichend thematisiert und geschweige denn Lösungen dafür erarbeitet wurden. Statt sich diesen Problemen zu stellen gab und gibt es vorwiegend eine Rhetorik des Moralisierens, des Schönredens und der Beschwichtigung seitens vieler Politiker. Politische Marketingstrategie scheint wichtiger zu sein als politischen Anstand und Aufrichtigkeit. Politiker verweisen meist automatenhaft auf irgendwelche angeblichen Erfolge und erbrachten Leistungen, wenn sie auf Probleme angesprochen werden. Und zugleich moderieren sie dann diese Probleme weg, statt selbstkritisch das eigene Handeln zu hinterfragen.
Besonders heikle gesellschaftliche Phänomene sind die Bereiche Political Correctness, Cancel Culture und Wokeness, die ausgehend vom akademischen Milieu zu einem sensibleren Gebrauch der Sprache beitragen und kulturelle Aneignung reflektieren sollten. Aber diese gut gemeinte Sache ist längst ins Gegenteil gekippt. Wokeness ist zu einer links-grünen Macht- und Herrschaftsstrategie geworden. Der "woke Mind-Set" sickert dabei von oben in die Gesellschaft ein. Es sind die Eliten aus Wissenschaftler, Politik und Medien, die diesen Zeitgeist voran getrieben haben und die zudem oft ein aktivistisches agieren an den Tag legen. Entscheidend sind dabei die Deutungshoheit und die richtige, moralische Haltung, die zugleich zu einem neues Statussymbol geworden ist. Im Woken-Kulturkampf von links werden gerne die moralische Kategorien gut und böse angewandt. Gut ist demnach politisch links zu sein und mit der Bahn- und mit dem Fahrrad zu fahren, für Windräder zu sein, die TAZ und die SZ zu lesen und öffentlich-rechtliches Fernsehen zu gucken. Doch so einfach ist die Sache nicht, bemerkte dazu erst kürzlich der Autor Harald Martenstein. "Woke" Symbolpolitik kreist in erster Linie um Sprechakte und der damit verbundenen Deutungshoheit. Dies hat Vorrang vor der Lösung von wirklichen Problemen. Auch hier gilt: nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten werdet ihr sie erkennen. So wurde jahrelang über das Gendersternchen diskutiert, stattdessen hätte man vielen Frauen in Not helfen können, wenn z.B. mehr Frauenhäuser gebaut worden wären. Dies wäre eine pragmatische Realpolitik, die zum Schutz vor häuslicher Gewalt beitragen würde. Da aber viele Themenfelder, wie etwa das Migrations- oder das Mietpreisproblem nur schwer zu lösen sind, lenkt die Politik lieber ab. Es sind vor allem die SPD und die Grünen, die Randthemen in den Mittelpunkt gerückt und dazu eine emotionalisierende und moralisierende Symbolpolitik betrieben haben. Dadurch fühlen sich viele Wähler nicht mehr in ihrer Lebenswirklichkeit erkannt und nehmen die Politik als abgehoben wahr. Das führt zu einem Misstrauen gegenüber der Politik. Diese politische Vertrauenserosion wird verstärkt durch etliche Affären und Skandale in denen einzelne Politiker verstrickt sind. Man denke nur an den beschämenden Corona-Masken-Beschaffungsdeal des CSU Ex-Justizminister Alfred Sauter, der dafür 1,2 Million Euro Honorar kassierte und juristisch dafür nicht einmal belangt werden konnte oder durch Nebenverdienste von zwielichtigen Lobbyisten, wie dies im Fall des CDU-Abgeordneten Philipp Amthor geschehen ist.
In den letzten Jahren zehn Jahren führte der "woke" Zeitgeist auch zu einer Verengung des Meinungskorridors. Dies gilt für weite Teile der Presse sowie für die öffentlich-rechtlichen Sender. ARD und ZDF verwechseln leider zu oft ihren gesetzlich vorgeschriebenen Bildungsauftrag mit einem Erziehungsauftrag. Dies wurde und wird jedoch von breiten Teilen der Gesellschaft als Bevormundung, Spracherziehung und Einschränkung der Meinungsfreiheit empfunden. Wer eine konservative Meinung vertritt wird rasch in die moralische Ecke gestellt und als "Ausländerfeind" ,"Rassist", "Feind der der Demokratie" oder "Nazi" gelabelt. Wird z.B. Kritik geäußert hinsichtlich der milliardenschweren Ausgaben für die militärische Aufrüstung, ist man sofort der "Putin-Versteher" und Putin-Troll. Wer auf die Probleme bei der Migration hinwies, galt lange als Ausländerfeind und Rassist. Hier wurde und wird allzu leichtfertig eine konservative Haltung mit rechts-außen bzw. rechtsextrem gleichgesetzt. Dazu kommt, dass die Mehrzahl der Journalisten einem grün-linken Weltbild nahe steht, was durch verschiedene Studien wie. z.B. die Mainzer „Perspektivenvielfalt“-Studie von 2024 belegt ist. Dies alles führt dazu, dass die Wirklichkeit nicht mehr abgebildet wird, wie sie ist. Stattdessen wird versucht die Wirklichkeit zu formen. So hat z.B. das ZDF heute-journal am 15.02..2026 bei einem Bericht über den Einsatz von ICE-Truppen in den USA eine KI generierte und manipulierte Videosequenz benutzt auf der zu sehen war, wie ICE-Beamte einer Mutter ihr Kind entreißen. Dabei wurde nicht kenntlich gemacht, dass es sich um ein KI Video handelt. Dadurch konnte dieser Nachrichtenbeitrag eine bestimmte emotional Stimmung und Richtung erzeugen. Die Berliner Zeitung vom 19.02. 2026 schreibt zu dieser journalistischen Fehlleistung: (..) Es gibt es eine Trennlinie zwischen Journalismus und Propaganda, und sie verläuft nicht dort, wo man gefälschte Bilder verwendet. Sie verläuft dort, wo man aufhört, die Wirklichkeit abzubilden, und anfängt, sie zu formen. Journalismus zeigt, was ist. Er ordnet ein, er bewertet, er kommentiert – aber er tut dies transparent und auf der Grundlage verifizierter Fakten. Propaganda wählt die Fakten so aus, dass sie eine vorher feststehende Erzählung stützen. Sie illustriert nicht die Realität, sondern eine These." Solche Vorfälle nehmen zu, wie etwa die Debatte um den Auftritt von Ministerpräsident Daniel Günther aus Schleswig-Holstein in einer Talksendung von Markus Lanz am 07.01 2026. In dieser Sendung war für alle Zuschauer klar zu hören, dass für Daniel Günther das rechte Medienportal nius ein "Feind der Demokratie" ist und er daher gerne für nius ein Zensurverbot möchte. Auf die Frage von Lanz, die ich hier sinngemäß zitiere: "Wir reden dann von Zensur?" merkte Daniel Günther, dass er sich wohl vergaloppiert hatte und schob dann einen Satz nach, indem er die Zensur plötzlich nur mehr auf ein Social Media Verbot für Jugendliche bezogen haben wollte. Doch es war für alle unübersehbar, was Daniel Günther eigentlich möchte. Doch das Verstörende an der Angelegenheit ist, dass Markus Lanz am 14.01.2026 das Thema in seiner Sendung nochmals aufmachte und allen Zuschauern weiß machen wollte, das Daniel Günther sich nur für ein Social Media Verbot bis 16 Jahren, aber für kein Zensurverbot gegen nius aussprach. Sicher nius hatte einen verkürzten Ausschnitt dieser Talkshow gepostet, aber es kam darin zu keiner Sinnverdrehung, wie dies von Markus Lanz behauptet wird. Warum lädt Markus Lanz eigentlich nicht Julian Reichelt, den Chefredakteur von nius ein, wenn er doch einen Tag nach der Sendung (08.01.2026) mit ihm telefoniert hat (s. https://www.youtube.com/shorts/gNC-CqAlaQU) und diskutiert dieses Zensurverbotsthema öffentlich mit ihm in seiner Sendung? Für wie dumm hält man eigentlich die Zuschauer? Wenn wundert da noch der Vertrauensverlust von ARD und ZDF?
So sind mittlerweile 40 - 45 Prozent der Bevölkerung davon überzeugt sind, dass sie politisch nicht mehr alles sagen dürfen, da die sozialen Kosten zu hoch sind. Viele Menschen werden vorsichtig und äußern sich nicht mehr politisch, da sie Shitstorms und soziale Verachtung sowie Konflikte im privaten Umfeld oder den Verlust des Arbeitsplatzes befürchten. So bekam z.B. der Medienwissenschaftler und Autor Norbert Bolz im Oktober 2025 frühmorgens Besuch von der Polizei, die sein Haus durchsuchte, da er auf der Plattform X folgenden ironischen Post geschrieben hatte: "Gute Übersetzung von ‚"woke": Deutschland erwache!". Die Anzeige erfolgte durch eine Meldestellen gegen Hasskommentare im Netz, die unter der Ampelkoalition entstanden sind. Dabei handelt es sich oft um Meldestellen, die von NGO's betrieben werden und die bereits unterhalb der Strafbarkeitsgrenze tätig werden können. Sie sind zum Teil staatlich finanziert und arbeiten mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen. Auch hier kippt wieder etwas - das gut gemeint war - in sein Gegenteil: Meldestellen können eben leicht zu Denunziationsstellen werden. Der Blockwart lässt grüßen! Ein Umstand den die AfD geschickt für sich zu nutzen wusste, indem sie den Meinungskorridor gezielt nach rechts außen verschoben hat. Was früher unsagbar war, wird jetzt von der AfD provokativ und gezielt geäußert. Wie z.B. der unsägliche Satz im Nazijargon von Alice Weidel im Deutschen Bundestag: "....und wenn es Remigration heißt, dann heißt es eben Remigration." Diese Provokationen dienen der AfD auch dazu um kurze Videoclips zu produzieren, die dann in den sozialen Medien gepostet werden um bei den Anhängern eine Erregungsspirale in Gang setzen zu können. Diese Art des rechten Kulturkampfes ist nur möglich, weil die sozialen Medien nach den Kriterien der Aufmerksamkeitsökonomie designt sind. Erregung und Hass bekommen so hohe Klickzahlen im Netz. Nicht Zensur sondern das Offenlegen dieser Algorithmen wäre die angebrachte Maßnahme. Hier muss der Gesetzgeber eindeutig mehr Druck auf TikTok und Co. ausüben und nicht auf die User.
Wie bereits erwähnt, es ist der Vertrauensverlust gegenüber Politik und Medien, der dazu führt, dass die AfD so große Wahlerfolge einfährt. Die AfD-Wähler fühlen sich von den Parteien der bürgerlichen Mitte nicht mehr ausreichend repräsentiert. In diese Repräsentationslücke stieß neben dem BSW und der Linken die AfD. Das belegen die Wählerwanderungen, wie zuletzt bei der Bundestagswahl 2025, bei der die SPD 720.000 Stimmen an die AfD verlor. Somit hat die AfD die Sozialdemokraten als Partei der "Arbeiter und kleinen Leute" abgelöst. Laut aktuellen Schätzungen haben etwa 30 Prozent der AfD Wähler rechtsextreme, fremdenfeindliche und völkische Einstellungen. D.h. aber auch, dass zweidrittel davon lediglich Wander- bzw. Protestwähler sind und mit einer Politik, die die Probleme unseres Landes lösen würde umgestimmt werden könnten. Vorbild der AfD sind Donald Trump und die MAGA-Bewegung in den USA. Beide spielen geschickt auf der Klaviatur der Emotionen. Nach Ansicht der US-Soziologin Arilie Russel-Hochschild weist diese politische Emotionsstrategie folgende vier Schritte auf:
1. Trump äußert eine provokante und extreme Meinung.
2. Die Intellektuellen empören sich und heben den moralischen Zeigefinger: "So kann und darf man nicht sprechen".
3. Darauf reagiert Trump, indem er zu seinen Anhängern sagt: "Seht her, wie sich mich beschimpfen und auf mich einprügeln. Aber ihr versteht mich und wisst wie das ist. Nun bin ich stellvertretend für euch das Opfer und werde die Last und Schande auf mich nehmen". Was dazu führt, dass die Anhänger sich mit voll mit Trump identifizieren können.
4. Vierter und letzter Schritt sind die Vergeltung und die Rache, quasi nach dem Motto: "Ich werde mich an all jenen rächen die euch den Stolz geraubt haben." (s. auch https://www.deutschlandfunk.de/arlie-russell-hochschild-geraubter-stolz-100.html) .
Für den Soziologen Hartmut Rosa liegt der Wahlerfolg von Donald Trump - wie auch der AfD - darin begründet, dass sie sich als Handelnde inszenieren. Trump scherrt sich um keine Regeln und keine Gesetze und erscheint gerade dadurch für seinen Wählern attraktiv. Denn er tritt er als eigenständig Handelnder auf. Während alle anderen sich nur noch in einem vorgegebenen Regelkorsett bewegen können. Der Mensch der Moderne handelt nach Hartmunt Rosa nicht mehr eigenständig, sondern er ist oft nur mehr ein Vollziehender, der Handlungen nur nach einem genau vorgegeben Muster ausüben kann. Einer der Gründe dafür ist meines Erachtens auch das Zusammenspiel von politischem Paternalismus und einer weitverbreiteten gesellschaftlichen Vollkaskomentalität. Durch Gesetze und Verordnungen sollen wir vor uns selber geschützt werden. Dies trifft im besonderen auf die Bereichen Gesundheit, Ernährung und Medien zu, wie z.B. die Gurtpflicht in Autos, das Rauchverbot in Kneipen, der Kampf gegen Zucker in Nahrungsmitteln oder ein Social Media Verbot für Kinder und Jugendliche. Zum einen ist das sicher sinnvoll und dient dem eigenen Schutz, aber zugleich wird uns damit die Fähigkeit und Urteilskraft abgesprochen solche Risiken einschätzen zu können und uns adäquat dazu zu verhalten. Auch im Design von technischen Geräten ist ein technischer Paternalismus weit verbreitet, da der Mensch als fehleranfälliger angesehen wird als es Maschinen sind. So schränken z.B. überbordende Sicherheitssysteme in den neuen Autos das eigenständige Handeln der Fahrer ein. Auch hier schwindet der Handlungsspielraum, sowie in vielen anderen Lebensbereichen. Sogar im Fußball findet sich dieses Phänomen in Form des VAR bzw. des Videobeweises, der den Handlungsspielraum des Schiedsrichters eingeschränkt. Urteilsvermögen, Fingerspitzengefühl und Augenmaß zählen nicht mehr. Doch wenn wir handeln, fühlen wir uns lebendig. Wenn jedoch unsere Handlungsspielräume immer geringer werden, entsteht eine Differenz zwischen Handeln und Vollziehen und damit auch ein Gefühlsmix aus Überforderung, Ohnmacht und Wut. (s. Hartmut Rosas neuestes Buch: Situation und Konstellation)
Die AfD, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, ist vor allem ein Sammelbecken von unzufriedenen Wutbürgern. Dabei ist der harte Kern der rechtsextremen AfD-Wähler (ca. 30 Prozent) mit rationalen Argumenten kaum mehr zu erreichen. Gerade dieser Teil gibt sich fanatisch und unkritisch den Desinformations- und Propagandakanäle der asozialen Medien hin. Es werden dabei vor allem die Internet-Plattformen Telegram, Tiktok und X genutzt. Dies bedeutet aber auch, dass die Wirklichkeit nur noch irrational und verzerrt wahrgenommen wird, da Fakten kategorisch ignoriert werden. Dazu gesellt sich ein repressives Gefühl des "abgehängt seins". Obgleich viele AfD-Wähler aus der Mittelschicht kommen und wirtschaftlich gut situiert sind haben sie trotzdem Zukunftsängste bezüglich einer möglichen Inflations- und Kriegsgefahr. Darüber hinaus gibt es natürlich auch AfD-Wähler, die ein sozial-prekäres Leben führen und von staatlicher Alimentierung bzw. vom Bürgergeld leben. Dieses Gefühl des "abgehängt seins" verstärkt sich zudem noch durch einen Stadt-Land-Konflikt bzw. den ungleichen Lebensbedingungen, die sich zunehmend zwischen den Metropolregionen und den ländlichen Provinzen auftun. Seien es eine mangelhafte Verkehrsanbindungen, ärztliche Versorgungslücken oder fehlende kulturelle Angebote. Anderseits wird schon seit Beginn der 90er Jahre, mit dem Aufkommen der neoliberalen Wirtschaftsideologie, das gesellschaftlich-soziale Aufstiegsversprechen nicht mehr eingelöst. Der Graben der Ungleichheit wurde in den letzten 30 Jahren immer größer. Wer sich nicht zu den glücklichen Erben zählen kann, kann sich bei den immens gestiegenen Immobilienpreisen den Traum vom eigen Häuschen kaum mehr leisten. Was für die Elterngeneration noch möglich und normal war - wenn man sparte und sich anstrengte - ist für deren Kindern mittlerweile nicht mehr realisierbar. Früher waren Leistung und Qualität die Voraussetzungen für Erfolg. Es waren zwei Seiten einer Medaille. Dem ist leider schon lange nicht mehr so. Bereits in den 90er Jahren konnte man für kurze Zeit ein TV-Star sein, wenn man den englischen Schriftsteller William Shakespeare für eine Biersorte hielt, so geschehen in der ersten Staffel von "Big Brother" auf RTL. Cleverness - was nichts anderes bedeutet als andere über den Tisch zu ziehen -, berufliche Netzwerke und eine robuste und durchsetzungsfähige Ich-AG Mentalität sind heutzutage die Bausteine um erfolgreich zu sein. Sei es als Werbe-Influencer auf den sozialen Medien oder als Aktien- und Krypto-Währungsspekulant im Internet. Die alten Leistungs- und Qualitätsmaßstäbe, die auf einem Arbeitsethos beruhten und zugleich auf menschlichen Anstand verwiesen, zählen nicht mehr. Man kann mittlerweile Erfolg haben ohne groß etwas leisten zu müssen. Bestes Beispiel sind die luxuriösen und millionenschweren Gehälter, Boni und Abfindungen von Managern und Ceo's. So forderte z.B. im Jahr 2011 der Manager Lutz Claasen 16 Millionen Euro dafür, dass er 74 Tage lang Chef beim Energieunternehmen Solar Millennium war. Jahrelange Klagen und Rechtsstreitereien waren die Folge. Dieses nicht einlösen des Aufstiegsversprechens erzeugt bei vielen Menschen Gefühle von Wut, Selbstzweifel, Hass, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Aber wer sich chancenlos und abgehängt fühlt, ist eben auch leicht verführbar. Von dieser reaktionären Gefühlslage seiner Wähler profitiert die AfD immens. Daher wäre es besonders wichtig, dass die Politik die Vermögensungleichheit durch entsprechender Steuergesetze abbaut. Ebenso müsste der systematischen Raub im großen Stil von Steuergeldern, wie dies etwa durch die "Cum Ex" Geschäfte immer noch geschieht, hart verfolgt und bestraft werden. Doch leider ist der politische Wille dazu nicht erkennbar.
Nur mittels Bildung kann jungen Menschen - egal aus welcher sozialen Schicht sie kommen - die Chance eröffnet werden, dass ein gesellschaftlicher und sozialer Aufstieg möglich sein kann. Nur wenn Zukunftsperspektive vorhanden sind, können junge Wähler Vertrauen in die Demokratie gewinnen und sie cool und sexy finden. Dazu bedarf es aber auch einer radikalen Reform des deutschen Bildungssystem, inklusive einer verstärkten politischen Bildung. Ebenso muss im Schulunterricht Medienkompetenz ganz oben stehen, damit Quellenkritik gelernt und Fake News erkannt werden können und so ein kompetenter Umgang mit dem Smartphone möglich wird. Die neuesten Untersuchungen zeigen, dass die überwiegenden Mehrheit der 16 - bis 27jährigen ihre politischen Informationen nur noch aus den sozialen Medien beziehen und dabei Tiktok an erster Stelle rangiert. Es besteht also dringender Handlungsbedarf. Investitionen in die Bildung sind zugleich auch Investitionen in die Demokratie. Nur so kann es gelingen, dass die jungen Wähler der AfD nicht mehr auf den Leim gehen und sich nicht mehr von deren bunten Tiktok-Videos blenden, verführen und verblöden lassen. Und auch die großspurige Behauptung der AfD, sie sei eine Heimatpartei, muss dekonstruiert werden. Denn der Heimatbegriff der AfD ist zutiefst von einer nationalsozialistischen Blut und Boden Ideologie sowie einem glasklarem Rassismus geprägt. Wirkliche Heimatliebe ist, der AfD keine Stimme zu geben und für Demokratie und Freiheit einzustehen.
Dazu bedarf es keines Verbots der AfD, sondern es müssen nur die Probleme unseres Landes gelöst werden, so wie es der Journalist und Autor Harald Martenstein bei dem Kunstprojekt "Prozess gegen Deutschland" im Thalia Theater in Hamburg formuliert hat: "Es wäre ein Kinderspiel die AfD klein zu halten. Man müsste dazu lediglich nur ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und die sie wahrscheinlich bis zu ihrem letzten Atemzug leugnen würden. Passen sie die Migration an die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes an. Sorgen sie für ein Level an Sicherheit, wie wir es 2010 hatten. Sorgen sie dafür, dass unsere Schulen funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muss es nicht sein!" (s. https://www.bild.de/politik/inland/harald-martenstein-im-thalia-theater-die-ganze-rede-im-video-6992f60ef1c55d28ade69be5) Bei diesem Kunstprojekt handelte es sich um einen fiktiven Gerichtsprozess, bei dem die Argumente gegen ein Für und Wider eines AfD-Verbotes ausgetauscht wurden. Das Harald Martenstein am Ende seiner Rede vom anwesenden Publikum gnadenlos ausgebuht wurde zeigt einmal mehr wie verhärtet der Kulturkampf mittlerweile geführt wird und wie sehr Emotionen Vorrang vor rationalen Argumenten haben. Und dieser Befund gilt leider für beide Seiten, sowohl für die rechten AfD-Wähler, wie für die links-grüne Wokeness-Bewegung. Es scheint, als ob in unserer narzisstischen Gesellschaft zu viele Menschen die Meinung von Andersdenkenden nicht mehr ertragen können. Aber Demokratie funktioniert genau anders rum. Demokratie und die offene Gesellschaft brauchen die uneingeschränkte Meinungsfreiheit sowie eine plurale Meinungsvielfalt damit ein rationaler Austausch von Argumenten möglich ist. Dies ist die Voraussetzung für das eigene Denken und für die Urteilskraft. Oder um mit dem Philosophen Immanuel Kant zu enden: „Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen“.